Fotograf Jörg wird von den Geschäftsführern Martin und Carsten Jünger verabschiedet

Ruhestand statt Requisiten: Foto-Legende Jörg Schultheis im Interview

 

Mehr als 40 Jahre ging Jörg Schultheis jeden Morgen den kurzen Weg zu Fuß zur Arbeit, schloss das Studio auf und abends wieder ab. Dazwischen fotografierte er, frotzelte, schimpfte zuweilen, plante, ordnete, sortierte, organisierte, telefonierte. Er war die Konstante. Herr über 1.400 qm Film- und Fotostudio plus Tonstudio und Lagerfläche. So manches Mal hat seine Wegwerf-Schwäche ein Shooting gerettet, weil er fast alles aus dem Hut zaubern konnte.

Am 29. Juli 2022 ging er wieder zu Fuß zur Arbeit, ein bisschen später als üblich, schloss das Studio auf und gab den Schlüssel ab.

Ein Fotografenleben findet jetzt in einer anderen Location statt. Home-Story statt Außenaufnahme. Enkel statt Ecoflac. Statt Krankenhaus vielleicht mal Kanada. Statt Top-Shot-Luke Ruhestandsperspektive.

Wie fühlt sich das an, wenn es plötzlich heißt „Klappe, die Letzte!“?
Wir haben mit unserer Foto-Legende gesprochen über Abschied und Rückschau, Können und die Kanzlerin.

 

 

PAC: Die Kanzlerin wünschte sich zu ihrem großen Zapfenstreich: „Du hast den Farbfilm vergessen“ von Nina Hagen. Kannst du dich als Fotograf mit diesem Wunsch identifizieren?
Jörg: Nein. Das wäre sicher nicht mein Wunsch gewesen. Aber ich hatte ja meinen eigenen Stones-Zapfenstreich.

 

Genau. Du hast dir gewünscht, noch einmal beim Sommerfest dabei zu sein. Und Jüngers haben für dich eine Rolling Stones Coverband engagiert, um dich zu überraschen. Hat dich das bewegt?
Ja, auf jeden Fall. Klar. Auch wenn man es mir nicht angemerkt hat. Ich hab‘ manchmal nah am Wasser gebaut, manchmal entgegengesetzt. Schwer zu erklären. Das war einfach stark. Ich war immerhin sprachlos.

 

Stimmt. Sprachlos sieht man dich selten. Aber erzähl mal bitte kurz von deinem Leben vor PAC. Geboren in Bremen …
Geboren in Bremen, aufgewachsen in Schwanewede, mit 15 Jahren nach Wolfhagen umgezogen, Schule, Bundeswehr, dann eine Lehre als Fotolaborant in Kassel, von dort nach Darmstadt in ein Großraumstudio, die vor allem Möbel fotografiert haben – eine sehr gute Schule. Was ich da gelernt habe, hat mich ein Leben lang begleitet. Dann habe ich einen Studienplatz „Fotoingenieurwesen“ bekommen und nicht angetreten, sondern bin zu PAC gegangen.

 

Hast du das bereut?
Das frage ich mich manchmal, ob ich nicht doch hätte studieren sollen. Aber ich glaube: Nein. Es ist alles gut, so wie ich es entschieden habe.

 

Du hast ja auch noch einen Meister gemacht.
Ja, später. So um 1987 rum. Da wollte ich mir selbst noch mal was beweisen.

 

Kannst du dich noch an deinen 1. Tag bei PAC erinnern?
Ja. Ich hatte die Stelle bei PAC und hatte mir einen Monat Auszeit für den Umzug von Darmstadt nach Vellmar genommen. Und da bin ich vor dem eigentlichen Start schon mal hier reingekommen. Es wurde ein Stuhl fotografiert. Natürlich habe ich gleich mitgemischt und bei der Inszenierung meine Erfahrungen aus Darmstadt eingebracht.

 

Was hat dich bewegt, 4 Jahrzehnte bei PAC als Fotograf zu arbeiten? War das von Anfang an dein Plan? Oder gab es auch mal die Versuchung zu gehen?
Klar habe ich auch mal über einen Wechsel nachgedacht. Aber PAC war immer reizvoll. Die Agentur ist immer weiter nach vorne gegangen, besonders mit dem Fotostudio. Nach zwei, drei Jahren will man eigentlich gehen, damit man in der Karriereleiter weiter nach oben kommt.
Was macht Helmut Jünger, unser Seniorchef? Der fängt plötzlich mit Video an. Dann geht man doch nicht. Das nimmt man doch mit. Zwei Jahre später will man wieder gehen. Weil es wird ja langsam Zeit.
Was macht Helmut Jünger? Der erweitert das Foto-Studio! Aus 80 wurden 1.400 qm im Laufe der Zeit.

 

Baugrube vom Anbau des Fotostudios mit Mitarbeitern

Nicht kleine Schritte, große Sprünge wie hier beim Anbau des Fotostudios führten dazu, dass Jörg immer blieb.

 

Dann kam die digitale Fotografie dazu. Man muss wissen: Das zweite professionelle digitale Rückteil in ganz Deutschland wurde an PAC ausgeliefert.

Das erste ging zum Otto Versand nach Hamburg und das zweite ging zur PAC Werbeagentur nach Vellmar. Der Arbeitsplatz kostete damals eine Viertel Million DM.
Ich habe zuhause mit meiner Frau mühevoll die Bedienungsanleitung der digitalen Kamera übersetzt, damit ich sie meiner Kollegin näherbringen konnte. Sie war über die frühere Tschechoslowakei aus dem damaligen Ostdeutschland „rüber gemacht“. Englisch hatte sie deshalb nie gelernt. Ich stand bei PAC also immer vor neuen spannenden Herausforderungen. Ich habe mir dann meinen ersten Mac – den Würfel-Mac – gekauft, weil ich festgestellt habe: Du musst da irgendwo auch weiterkommen.

 

Apropos Digitale Fotografie. Das hat dein Berufsbild sehr verändert. Mit der digitalen Bildbearbeitung hat der Fotograf Einfluss verloren. Hattest du Loslass-Schmerz, wenn du deine Bilder in die Grafik gegeben hast oder hast du das noch heute?
Nein, überhaupt nicht. Wir hatten bei PAC immer eine klare Gliederung. Fotografen machen die Bilder, Grafiker und Lithographen bearbeiten sie. Und das ist super an PAC, wir haben Spezialisten, auf die wir zugreifen können.

 

Das heißt, du vertraust deinen Kollegen. Auch wenn die meisten jetzt sehr viel weniger Erfahrung hatten als du?
Absolut. Wir lernen alle voneinander. Und jeder entwickelt sich. Das beste Beispiel ist Deborah, die als Praktikantin für uns die Requisiten gebügelt hat und jetzt Art Director ist, von der ich Aufträge bekomme und die mit mir fachlich auf Augenhöhe diskutiert. „Einmal Stift, immer Stift.“ – Das war für mich immer Unsinn.

 

Hattest du ein Lieblingsthema in der Fotografie?
People-Fotografie ist toll, macht Spaß, aber das bin ich eigentlich nicht.

Was sich nicht bewegt, finde ich schon ganz gut.

Ich liebe Table Tops. Ich schaue immer noch gern das erste Table Top an, das ich für B. Braun gemacht habe. Und auch für meine Meisterprüfung habe ich eine schwebende Braunüle mit einkopierten Sternchen als freie Arbeit gewählt, weil das mein Ding war und noch heute ist.

 

Fotograf Jörg arrangiert Infusionsleitungen für ein Shooting

Bekennender Still-Life-Liebhaber.

 

Aber auch alles andere, Möbel und Industrie – super Sache! PAC hat zum Glück ein umfangreiches Portfolio.

Wenn ich sage, ich habe bei PAC von der Kanüle bis zur Lokomotive alles fotografiert, dann stimmt das.

Kanüle, Transrapid, Panzer, Särge, Gummitierchen, Schwimmbassins, Intensivstation, Grillkohle, jede Menge Food und – die Kanzlerin.

 

Erzähl!
Wir haben für unseren Kunden Aesculap in Tuttlingen eine Werksbesichtigung von Frau Dr. Angela Merkel dokumentiert. Eine kleine Anekdote: Mein Kumpel sagte eines Abends stolz: „Ich habe unseren Ministerpräsidenten fotografiert.“
Ich antwortete: „Und ich habe die Kanzlerin fotografiert.“ Er: „Hast du nicht!“ Ich: „habe ich doch.“

 

Gibt es ein Shooting, das dir in besonderer Erinnerung geblieben ist?
Einige. Die Kampagne für pro Nordhessen, z.B. mit Aufnahmen, die in der Wirtschaftswoche und im Spiegel veröffentlicht wurden. Das macht dich stolz. Das ist schon was. Unsere Zusammenarbeit mit dem Trend Verband für Casa Mobile. Ich erinnere mich z.B. an den Weihnachtsprospekt, den wir im Schloss fotografiert haben. Es gib eigentlich nichts, was mir nicht Spaß gemacht hat. Ich will immer viel über die Dinge wissen, die ich fotografiere. Und ich kriege spannende Einblicke.Wie funktioniert eine Flaschensortieranlage? Was ist dem Sarghersteller und seinen Kunden wichtig? Unter welchen Gesichtspunkten betrachten eine Krankenschwester oder ein Anästhesist eine Infusionspumpe? Ich habe noch nie eine Spritze angewendet, aber ich glaube, theoretisch könnte ich das nach all den Fotoshootings.

 

Fotograf Jörg in Op Kleidung mit Kamera

Intensivstation oder Fotostudio – Jörg Schultheis taucht wissbegierig in das Setting ein.

 

Wo hast du dir Inspiration hergeholt, um dich nicht zu wiederholen?
Aus dem Bauch raus. Viel erfragt. Kommunikation mit Kollegen. Offene Augen. Es gibt immer wieder Trends, die man manchmal aufsaugt und manchmal belächelt. Fragt der Enkel: „Opa, was ist das für ein geiler Filter auf dem Foto?“ Antwortet der Opa: „Staub!“

 

Was denkst du, braucht man als Werbefotograf?
Leidenschaft, „Ohne Leidenschaft gibt’s keine Genialität.“ Zitat Theodor Mommsen. Aber das brauchst du überall. Und ich sehe es hier in der Agentur überall.

 

Als Deine Tochter klein war, sagte sie einmal beim Vorbeifahren an der Agentur: „Und hier wohnt Papa“. Wirst du Heimweh nach uns haben? Oder anders: Wird der Arbeitsplatz in 40 Jahren ein bisschen zum Zuhause und PAC zur Familie?
Das Zitat hängt damit zusammen, dass ich leidenschaftlich gern fotografiere und dass ich das auch oft an erste Stelle gestellt habe. Familie ist aber noch mal was anderes. Was aber eine Rolle spielt: Wir sind ein Familienunternehmen und das hat viele Vorteile. Die Familie Jünger vertraut uns. Helmut Jünger sagte: Macht was ihr wollt, solange es läuft. Wahnsinn! Mein Kollege und ich haben immer gedacht, das ist eigentlich wie unser Studio.

Alles, was hier drin und dran ist, haben wir mitgestalten dürfen.

Auch Martin und Carsten Jünger – haben uns immer Freiheiten gegeben und uns Einfluss nehmen lassen. Das wäre in einem großen Medienunternehmen sicher nicht so möglich. Und was vielleicht auch eine Rolle spielt, PAC steht für sehr langfristige Kundenbindungen. Ich habe bei meiner Arbeit viele tolle Menschen kennengelernt und manches von ihnen gelernt. Mit einigen Kundinnen und Kunden teile ich inzwischen eine lange Geschichte und wertvolle Erinnerungen. Das verbindet.

 

Was ist deine wichtigste Botschaft an junge Fotografen heute?
Verlass dich nicht auf die Technik. Es ist nicht so, dass die Kamera das gute Foto macht, sondern der Fotograf. Laien müssen sich auf den Zufall verlassen. Profis nicht. Sei neugierig: Lerne über dein Motiv.

 

Würdest du heute noch mal Fotograf werden?
Ja! Mit dem, was ich hier gemacht habe: ja. Es ist ein hochinteressanter Beruf und es ist ein Spaßberuf. Damit meine ich:

nicht nine to five, nicht hochdotiert, aber voller Freude und mit hoher Identifikation.

Ich wollte nie einen Job haben. Ich wollte immer einen Beruf. Und das ist doch schön.

 

Hast du einen unerfüllten Fotowunsch, Reisefotografie …? Gibt es etwas, was du nicht fotografiert hast und schon immer fotografieren wolltest?
Das mache ich in meiner Freizeit. Ich werde reisen und dann fotografiere ich. Ich will Südafrika fotografieren und Kanada. In den mehr als 40 Jahren sind eigentlich keine Wünsche offengeblieben.

 

Du hast gesagt, Table Tops liegen dir mehr als People. Fotografierst du deine Enkel?
Ja klar – obwohl sie sich bewegen. Das mache ich. Auch meine Kinder habe ich oft fotografiert.

 

Hast du ein Lieblingsfoto?
Die Kanüle, die ich für meine Meisterarbeit fotografiert habe, ist vermutlich ein Lieblingsfoto.

 

Braunüle Inszenierung: Jörgs Meisterstück

Jörgs Lieblingsfoto ist (s)ein Meisterstück.

 

Gibt es etwas, das du heute weißt, was du gern schon vor 40 Jahren gewusst hättest?
Lass mich überlegen. Nein. Denn in die Zukunft zu schauen, nimmt dir den Reiz, die Dinge zu erleben.

 

Noch mal zurück zur Kanzlerin und zum Zapfenstreich. Gibt es ein Lied, das du dir am Sommerfest von der Band gewünscht hast. Und wenn ja, wieso?
“You can’t always get what you want” von den Stones. Zunächst einmal beginnt es mit dem London Bach Choir, ist also musikalisch sehr schön. Und von der Aussage her, naja. Eigentlich geht es ja um diese 60er-Jahre-Themen: Liebe, Politik, Drogen. Aber ich höre in dem Lied auch dieses Pragmatische: Du kannst nicht immer kriegen, was du willst, aber am Ende kriegst du, was du brauchst. Und für mich steckt darin auch eine Aufforderung: Versuche es wenigstens. Geht nicht, gibt es nicht. Oder bei uns in Bremen:

Sabbel nich, dat geit.

Hab‘ ich mein ganzes Leben lang so gehalten. Versuchen. Das geht. Und wenn nicht, hab ich es wenigstens probiert.

 

Fotograf Jörg kniet im Krankenhausflur

Jörg ging für seine Motive in die Knie. Wir verneigen uns vor seiner Lebensleistung.