Kolumne Interpunktion: Das? soll so! Wie wir Zeichen setzen.

Das? Soll so!

Interpunktion?! Da sind wir Werber fein raus und nennen das Ganze ehrfürchtig künstlerische Freiheit. Im Zweifel sagen wir einfach: “Das soll so!” Über InterPUNKTion mit Nachdruck und Markenpositionierung mit zeichensetzungsstrategischem Esprit denkt Sonja Helten heute laut nach – in unserer PAC-Kolumne zum Thema Interpunktion.

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Interpunktion?! Jepp! Da sind wir fein raus. Puh! Wir Werber haben das, was man ehrfürchtig als künstlerische Freiheit bezeichnet. Im Zweifel sagen wir einfach: “Das soll so!” Der beste Beweis: Wir. Dienen. Deutschland. Toll! Jedes. Wort. Betont. InterPUNKTion mit Nachdruck. Markenpositionierung mit zeichensetzungsstrategischem Esprit. Chapeau!

Interpunktion ist etwas Formidables. Wie sonst würden wir – beispielsweise ohne das viel geliebte Komma – unseren Großmüttern versichern, dass ihre Anwesenheit nicht auf, sondern am Tisch goutiert wird? Wir essen(,) Oma! Ja, Interpunktion rettet hin und wieder Leben.

Zugegeben! In modernen digitalen Kommunikationskanälen schleicht sich hier und da eine Laissez-Faire-Attitüde ein. Verfasser schriftlicher Mitteilungen befleißigen sich immer häufiger einer gewissen interpunktionellen Ignoranz. Wer kultiviert denn noch die manifestierten Zeichensetzungsgesetze? Passiert!

Dabei waren Satzzeichen einst äußerst beliebt! Erinnern wir uns an das Prä-Emoji-Zeitalter, als sie auch zur Verdeutlichung gemeinter Tonalitäten auf engstem Raum herhalten mussten: Doppelpunkt, Bindestrich, Klammer auf – ich bin traurig, die Welt ist nicht gut zu mir, mea culpa, bin betroffen. Doppelpunkt, Bindestrich, Klammer zu – ich freu mich, das Leben ist schön, alles gut. Gesteigert von: Doppelpunkt, Bindestrich, groß D – Schenkelklopfer, hahaha, laughing out loud, kurz: LOL. Diese Emoticons (Wortkreuzung von Emotion und Icons) machten gelingende Kommunikation wahrscheinlicher, halfen Sie doch dem Absender, Gemütszustände dem Adressaten unmissverständlich mitzuteilen.

Dabei können – und sollen! – Satzzeichen auch ganz solitär und ohne Rudelkuscheln Emotionen kommunizieren. Ausrufezeichen: Achtung! Das meine ich jetzt WIRKLICH ernst. Fragezeichen: Ich bin unsicher. Punkt Punkt Punkt: Das Ende möchte ich mir gern offen lassen / überlasse ich deiner Phantasie. Punkt: Ich stehe dahinter, ohne Getöse. Paarweise gewinnen Satzzeichen etwas Prozesshaftes. Wirklich?! Und ob!

Handelt es sich beim Gebrauch der Satzzeichen nicht nur um punktuelle Phänomene, sondern um zeitlich überdauernde Marotten des Verfassers, kann man nicht nur auf dessen aktuelle Gefühlswelt, sondern – behaupte ich – sogar auf seinen Charakter Rückschlüsse ziehen. So verweist der permanente inflationäre Gebrauch von
Ausrufezeichen auf Choleriker oder Hypermoralisten
Gedankenstrichen auf eine philosophische Natur, gar einen Grübler
Semikola auf einen kulturkonservativen Bewahrer (wer benutzt heute schon Semikola?), manchmal auch auf narzisstische Züge
Klammern auf einen ordnungsliebenden Pedanten, der sich zwanghaft gegen alle Eventualitäten absichert (muss immer alles gesagt haben, auch wenn es eigentlich auch weggelassen werden könnte, so wie hier gerade geschehen, aber sicher ist sicher)
Kommata auf einen Schnelldenker, Netzwerker, Holisten, der stets die Zusammenhänge sieht und deshalb keinen Punkt setzen kann
Schrägstriche auf einen Liberalisten, der antiideologisch immer deutlich machen will, dass er auch für andere Ausdrucksweisen offen ist.
• Ein konsequenter Kommaverweigerer kann hingegen ein postkonventioneller Freidenker sein, der sich allen Reglements demonstrativ mit Chuzpe entzieht. Oder er ist schlicht frei von jeglichem orthografischen Wissensballast …

Sie finden das zu pauschal??? Möglich … Ja! Kann sein. Strategische Kommunikation muss manchmal übertreiben, um zu verdeutlichen. Drücken Sie ein Auge zu. Sie wissen ja, von wem es kommt. Wir. Sind. Werbung. Semikolon, Bindestrich, Klammer zu.


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